Herbstliche Phantasien

Poetische Gartenbriefe aus Lilly Sommers Laube

HERBSTLICHE PHANTASIEN
Vom geheimen Treiben der Pflanzenwesen

Ein pointilistisches Ideal am Gehölzrand mit Herbstanemonen, Lilien und Salomonsiegel. Eingefangen im Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof in Weinheim.

Der hohe Sommer hat sich überhitzt in unsere Gärten gefräst und die gute Erde zu rissigen Platten gebrannt. Reglosigkeit in den Mittagsstunden, abendlich kleine Orgien des sinnlosen Gießens mit Brauchwasser. Die Regentonnen blieben über nahezu drei Monate leer. Und sogar der virulenten Pandemie schien die Luft ausgegangen zu sein. Eine gute Zeit für einen inspirierenden Ausflug in meinen Lieblingsgarten, den Hermannshof an der Hessischen Bergstraße. Er ist in seiner sinnlichen Pracht auch ein wahrer Lustgarten und der Monat August die beste Zeit, um dort eine Prärielandschaft in naturnaher Gestaltung zu erleben. Mit Blick auf den Klimawandel werden Präriepflanzen schon jetzt als gärtnerisches Ideal der Zukunft angedacht und mir schwebt vor, im kommenden Frühling das noch immer von meinem Wilden Kerl verzauselte große Sonnenbeet vor dem Paulandia-Biotop neu zu gestalten. Meine Freundin Barbara Osterwald, als Kunsttherapeutin immer aufgeschlossen für neue Impulse, reiste im höheren Alter von 80 Jahren der Pandemie zum Trotz mit dem Zug aus München an. „Ich möchte das aufessen...“ schrieb sie mir, nachdem ich ihr vorab einen Bildband vom Hermannshof geschickt hatte. Und so betraten wir bald dieses Gesamtkunstwerk, in dem die Pflanzen der Welt einer Art der floralen Verständigung frönen. Das Wegenetz führte wegen der Abstandsregeln nur in eine vorgegebene Richtung durch die Landschaften und wir wandelten umher als wären wir alleine im Paradies gelandet. Am Ende unserer botanischen Reise war das „Gespenst Covid“ wie weggeblasen. Einfach aus unseren Gedanken verschwunden. Halten wir also in diesem Gartenbrief mal mit den Pflanzen Rat ab, was uns denn in solch bedrohlicher Zeit heilen könnte.


ROT – DIE SCHLÜSSELFARBE FÜR DAS GEHEIMNISVOLLE

Weiße Astern als Leinwand für die rotbraunen Töne der Fetthenne und das rote Leuchten der Rutenhirse Panicum virgatum ‚Shenandoah‘, einem Präriegeschöpf.

Die Extravaganz des rotflammenden Herbstlaubs, der Indian Summer wie er in Nordamerika die Sinne betört, tritt auch auf Paulandia mit gedämpfteren Rottönen sehr schön hervor. Die Fetthenne ‚Herbstfreude‘ der Gattung Sedum aus der Familie der Dickblattgewächse ist mit ihren rotbraunen sterndoldigen Blüten bis in den Spätherbst eine Augen- und Bienenweide. Schon im ersten Gartenjahr habe ich intuitiv für so liebenswerte und unkomplizierte Pflanzen wie diese, von der ich sagen würde sie hat das Temperament einer bedächtigen Phlegmatikerin, nach freundlichen Nachbarinnen Ausschau gehalten.

Zufällig wurde ich bei einer extravaganten Staudengärtnerin in einem Dorfflecken am Jadebusen fündig. Sie hatte eine imposante Gräsergesellschaft auf einem hügeligen Beet ausgestellt und darin eine fein kommunizierende Gruppe von Panicum virgatum ‚Shenandoah‘. Die erstaunliche Rotfärbung dieses filigranen nicht sehr hochwüchsigen Grases fand ich allerschönst. Im Nordwind wiegte es seine federleichten glitzernden Blütenrispen und raschelte ein leises Lied vor sich hin. Immer wieder, bis zum Einwickeln am Pflanztisch zweier noch unscheinbarer Jungpflanzen, murmelte dann die gute Frau wie eine eingeschworene Schamanin den Namen She-nan-do-ah. „Nich´ zu verachten, ja ja“, senkte sie den Kopf. „Die Familie Virgatum hat Geheimnisse. Und besonders Shenandoah muss man liebkosen.“

So ist aus dem Reisesouvenir eine zuverlässige leuchtende Frühlings-, Sommer- und Herbstbotin auf Paulandia herangewachsen, die mit ihrem Farbenwechsel und den aufspielenden zarten Blütenrispen besticht. Eine Ureinwohnerin der weiten Prärie Nordamerikas, wo auch die Sedumgewächse der Fetthenne beheimatet sind. Beide scheinen sich in einer sonnigen Windschneise des Gartens gegenseitig in der Kunst des geheimnisvollen Raschelns zu beflügeln.

Visionen von Prärie: Im Hermannshof sonnengelbe Rudbeckien, dunkelvioletter Steppensalbei und Astern. Auf Paulandia die Herbstglut der Felsenbirne mit blauem und grünem Salbei am künftigen Präriebeet.

„Rot wirkt wie ein Ausrufezeichen aus der Ferne und von nahem tief und geheimnisvoll“, so beschreibt die Farbenmagierin der Gartenkultur, Penelope Hobhouse in ihrem botanischen Werk „Colour in Your Garden“ die alleinstehende Wirkung der Rottöne. Leuchtendes Rot ist immer beherrschend. Man denke an das nahezu unverschämte Karmesinrot von Pompon-Dahlien oder an die schwere Übung in der Aquarellmalerei, mit den Farbwerten des Mohns in einer toskanischen Wildblumenwiese umzugehen. Kräftiges Rot im Garten ist immer auch die Farbe des Lebens und des „Aufessens“, wie meine Freundin Barbara es auf den Punkt gebracht hat. In den Tropen spielt leuchtendes Rot eine wichtige Rolle für die Blütenbestäubung. In unseren Breiten sind es die roten Beeren, zu deren Samenverbreitung die Vögel beitragen. Und noch nie haben Besucher im Paulandiagarten widerstehen können, von den reifenden Süßkirschen am Eingang zu naschen. Und wie kostbar kann auch eine gewöhnliche tiefrote Bauernhortensie erscheinen und wie elegant debattieren etwa violette Stockrosen mit weißblühenden Nachbarinnen darüber, wer die Herrscherin der Kleiderordnung sei.

Opulente Augenblicke im Hermannshof. Rote Signale in Gräsern und Wiesenpflanzen.


EIN BLÜHENDES VERSUCHSFELD

Es war ein lukullischer Tag im Hermannshof alleine für die Sinne und für die Seelenruhe. Meine Freundin Barbara hat vor Hingabe zu den blühenden Kreaturen dann doch darauf verzichtet, sie „aufzuessen“. Vielmehr hat sie mir als Nachlese auf unsere Botanisierreise ein paar Zeilen geschrieben, die mich sehr stolz machen und ich darf sie hier zitieren:
„Dein Verhältnis zur Natur und Deinem Garten ist ein ganz persönliches und emotionales und nimmt die Leser mit in eine andere Welt. Ich finde es so erstaunlich, welche Qualitäten Du an „Deinen“ Geschöpfen entdeckst und wie Du diese benennst. Das ist ein intimes Zwiegespräch zwischen Mensch und Natur, das der Natur ihre Kraft, Würde und Besonderheit zurück gibt. Denn wer außer uns könnte das tun, da wir die bewussten Geschöpfe sind.“

Ein wilder Gärtner der dieses Zwiegespräch in Hochkultur pflegt, ist Prof. Dr. Cassian Schmidt, seit mehr als 20 Jahren Leiter des Hermannshofs. Vor der Pandemie hatte ich die Freude, mit ihm für ein Radiofeature im Deutschlandradio ein Gartengespräch voller funkelnder Gartenlust zu führen. Er müsse die Hände ohne Handschuhe in der Erde haben, hatte er gleich zu Anfang gesagt, er müsse sie fühlen, die Pflanzen spüren und ihre Wurzeln verstehen. Wir sprachen über Glück und das Schöpferische im Garten. Wann das Gärtnern zur Kunst wird. Und über Cassian Schmidts Leidenschaft für den Präriegarten, den er ein ‚blühendes Versuchsfeld‘ nannte.

Hermannshof Entree in den Präriegarten im Hochsommer. Eine sich ständig wandelnde Pflanzengesellschaft

Das ‚blühende Versuchsfeld‘ konnten wir in diesem Sommer in aller Ruhe durchstreifen. Im Jahr der Ausstrahlung der Sendung im Deutschlandfunk hatte mir Cassian Schmidt noch souffliert, wie der Präriegarten in jenem Sommer wirkte. Und das klang wie ein Schwelgen in einem wachsenden Bild:

„Die Pflanzungen mit den farbenprächtigen Nordamerikanischen Beetstauden, die etwas mehr Wasser benötigen, als die reinen Wildformen, gehen jetzt ihrem Blühhöhepunkt entgegen und zeigen eine auf den Garten zugeschnittene, abstrahierte Version der Prärievegetation. Es sind vor allem die typischen Korbblütler, die in leuchtenden, warmen Farben, in verschiedenen Nuancen von Gelb über Orange bis hin zu samtigem Braunrot blühen. Sonnenhut, Sonnenbraut, Sonnenauge, Mädchenauge und Silphien, begrenzt von kräftigen Purpurtönen, von Echinacea, Prachtscharten und Purpur-Dost. Dazwischen einfach blühende Wildformen von roten Dahlien und Zinnien, aber auch das luftige Patagonische Eisenkraut in Violett sorgen für Akzente“.

Ja, die Wurzeln der Pflanzen verstehen lernen, ihre Textur der Farben und ihre Adern als Lebensnerven zu erfühlen, das ist ein anhaltender Glücksfall und zeichnet das Wesen der Pflanzen und ihre Begabungen aus. Da gibt es solche, die ich als ‚Haudegen‘ bezeichnen würde wie die uralte Heilpflanze Beinwell mit ihren behaarten Blättern und borstigen dunkelvioletten Blüten, auch die Färberpflanze des Gilbweiderich oder Gold-Felberich zählt dazu. Seine gebogenen Wurzelknoten erwürgen jede zärtere Pflanze in der Nähe, wenn man ihm nicht Einhalt bietet. Andere sind hingegen ‚Zimperliesen‘ wie etwa die Duftveilchen. Oder es gibt ‚Langschläfer‘ wie den Lerchensporn, der in einem waldartigen Gehölzrand still und leise Füßchen bekommen und sich auswildern kann. Und so könnten wir weiter erzählen, was die Geschöpfe der Natur alles anstellen, um fortzuleben. Sie kennen einfach keinen Lockdown. Mit Cassian Schmidt hatte ich einen Gartenphilosophen getroffen, der leidenschaftlich in dieser Natur aufgeht und in England als Vertreter des ‚New German Style‘ gefeiert wird. Und dieser Stil hatte in England seinen Wegbereiter in dem irischen Gartengestalter und Gartenjournalisten William Robinson, einem Freidenker, dessen bahnbrechende Werke „The English Flowergarden“ und ‚The Wild Garden‘ im 19. Jahrhundert die britische Gartenkultur revolutionieren sollten.


WILLIAM ROBINSON – EIN REBELLISCHES GARTENGENIE

Wildrosen am Staketenzaun – Stich aus William Robinson ‘The English Flower Garden’. Der Beginn des Wiederauflebens der englischen Cottagegardens.

Es ist nicht sehr viel über den Lebenslauf dieses Mannes überliefert, der sich die meiste Zeit seines Daseins, und das währte 96 Jahre lang, in Gärten aufhielt. William Robinson wurde 1838 in Irland/County Waterford geboren mitten in die fürchterliche Armut der durch die Kartoffelfäule verursachten Irischen Hungersnot. Schon im Kindesalter musste er sich als Gartenjunge bei der Marquess of Waterford verdingen, wurde in verschiedene Herrenhäuser verschickt und bekam 21jährig eine Anstellung als Wächter in den Treibhäusern der Baronetage of Ireland in County Laois. Man könnte sich vorstellen, dass schon in dieser Zeit das Initial für seine ‘wilde Gartenkarriere‘ gelegt wurde. Überliefert ist, dass Robinson in einem sehr kalten Winter die Feuerstellen in den Treibhäusern ausgehen ließ. Ob absichtlich oder aus Nachlässigkeit bleibt unklar. Jedenfalls gingen so viele exotische Pflanzen zugrunde, dass er seine Stellung verlor und wenig später nach London emigrierte, wo er durch Beziehungen 1860 eine Stellung in den Neuen Botanischen Gärten in Regents Park fand. Von hier aus startete er zielstrebig eine Karriere als Gartengestalter und stieg schnell in die höchsten Ränge der Britischen Royal Horticultural Society auf.

Ideal der illusionistischen Anlage eines ‚Wilden Robinsonianischen Gartens‘ im 19. Jahrhundert.
(Aus William Robinson ‚The English Flower Garden‘,1883., Digitales Reprint Camebridge University Press 2011)

Mit 29 Jahren wurde Robinson unter der Schirmherrschaft von Charles Darwin und sieben anderen herausragenden Botanikern zum Mitglied der Linnean Society und gab 1871 eine Gartenzeitschrift heraus, die er ganz puristisch „The Garden“ nannte. Sein größter Verdienst in dieser Zeit gilt der Rückbesinnung auf die natürlichen Strukturen des englischen Cottage Gartens. Formschnitte, Blumenteppiche und Wasserkunst lehnte Robinson kategorisch ab und verglich die formalen Gärten der viktorianischen Akkuratesse mit der „leblosen Struktur von Tapeten und Teppichen, die sich in den Gärten ihrer Erbauer abbilde“.

Ein weiteres Initial in der Lebensgeschichte des Vordenkers einer befreiten Natürlichkeit, den ich mir eher zartfühlend, poetisch und doch sehr selbstbestimmend vorstelle, muss eine Reise mit der Eisenbahn durch die Regionen Nordamerikas gewesen sein. Dort konnte er im Auftrag der Linnean Society alle Habitate der Pflanzenwelt des nördlichen Kontinents erforschen. Wenig später brachte er erst 32jährig sein Meisterwerk „The Wild Garden“ heraus. Es sollte die formenstrenge viktorianische Gartenkultur auf den Kopf stellen und eine neue Ära des natürlichen englischen Staudengartens einläuten. Es mag kein Zufall sein, dass Robinson eingangs des Buches in einem Manifest seiner Ideen auch mit seinem wohl ungeliebten Frondienst in den irischen Treibhäusern abrechnet. Ja, er wettert geradezu „gegen diese Massen von Treibhauspflanzen und tropischen Exoten“ in den Formalgärten. „Von all dieser falschen und hässlichen ‚Kunst‘ Abstand zu nehmen, war nicht einfach“, schrieb er. Aber er nahm Abstand – und wie! Hören wir doch einmal hinein in diese Textur eines – fast möchte man sagen – Gartenpropheten:

„Mein Ziel in The Wild Garden ist es, aufzuzeigen wie wir mehr von der vielfältigen Schönheit winterfester Blumen haben, als es sich der leidenschaftlichste Bewunderer des alten Gartenstils je erträumt. Nämlich indem wir die vielen herrlichen Pflanzen aus vielen Regionen der Erde auf unseren Äckern, in Wäldern und Feldern und an vernachlässigten Plätzen in nahezu jeder Art von Garten einbürgern.

Ich meine damit nicht das Gehölz und das Buschwerk irgendeines Landes, sondern jene Flora, die ihre Heimat in den ausgedehnten Höhenzügen der gesamten nördlichen Welt hat und in jenen Hügellandschaften, die in gefurchten Falten unter den uralten Häuptern all der großen Gebirgsketten der Welt herabfallen.

Diese Flora besteht aus Zonen mit winterfesterem und nicht weniger schönem Leben, verschiedenartig wie die Brisen, die über die Berghänge wispern und die Bächlein, die sie säumen. Es sind die Lilien und die Hasenglöckchen, und Nelken und Iris, und Wildblumen, und Anemonen, und Veilchen, und unzählige Wicken, und Margeriten, und Brombeeren, und Fingerkraut, und Nachtkerzen, und Clematis, und Geißbart, und Myriaden von Pflanzen, welche die Flora der nördlichen oder temperierten Regionen der unermesslichen Kontinente bilden.“

Robinsonianischer Staudengarten in Gravetye Manor, Sussex. Willam Robinson erwarb das 14 Hektar große Anwesen im Jahr 1885 und ließ darin seine Vorstellungen aus ‚The Wild Garden‘ für immer aufblühen.
(Bilder mit freundlicher Genehmigung aus der Gardens Library Gravetye)

Robinsons Geist lebt auf Gravetye Manor bis heute fort und das Anwesen, dem Robinson im Laufe seines Lebens riesige Ländereien hinzukaufte, zählt zu den bedeutendsten historischen Gärten Großbritanniens. Mister Robinson wird in der Chronik des Gartens als der „Irishman“ geführt, „der den Engländern das Gärtnern beigebracht hat.“ Das ist in der wechselvollen Geschichte der royalistischen und mentalen Spannungen zwischen den Nachbarinseln eine hübsch pikante Ausdrucksweise. Es wäre ein Traum Gravetye zu besuchen, was in der Pandemie aussichtslos ist und auch eine andere Hürde birgt. Robinsons Herrenhaus, das äußerlich einen morbiden Charme der Zeitlosigkeit erreicht hat, wurde zu einem Luxushotel umgebaut, das sich nur eine erlesene Handvoll Menschen leisten können. Überliefert vom heutigen dort schaffenden Headgardener Tom Coward ist jedoch, dass William Robinson nach einem unglücklichen Sturz die letzten 20 Jahre seines Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen war und sich vom Hausjungen durch den Garten fahren ließ. Er soll immer eine Decke, Blumenzwiebeln und Samentütchen dabei gehabt haben.


MIT SAMENTÜTCHEN UNTERWEGS

Ausgespielt – Stockrosen dürfen gerne zur stolzen Rabatte vor der eintönigen Ligusterhecke aufwachsen. Spannend wohin ihre Samenkapseln fallen und weggetragen werden.

„Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben.
Machen wir uns von dieser Anschauung los, und tausend
Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein

(Christian Morgenstern 1871-1914)

Der mit sommerlichen Temperaturen so lang anhaltende Herbst hat es ans Licht gebracht. Wir müssen nicht nur mit der Pandemie eine weitere Durststrecke überstehen sondern auch dem Klimawandel einen Tribut zollen. So schön es auch ist, wenn meine blauen Kugeldisteln, nachdem sie in der Sommerhitze verdorrt waren, im Spätherbst einen völlig neuen Austrieb mit Blütenständen aufgebaut haben. Erstaunlich auch wie die Artischocken nach der Ernte ein zweites robustes Blätterkleid angelegt haben. Und zurückgeschnittene Akeleien, die wahrhaftig Frühjahrsgeschöpfe sind, haben fröhliche Reigentänze mit frischen grünen Ballettröckchen aufgeführt. Dieses ungewöhnlich bunte Treiben könnte wohl eine feine und erwünschte Anpassungsleistung der Pflanzen an das veränderte Klima bedeuten. Wären da nicht auch der Wein, die Äpfel, Kirschen, Beerensträucher und das liebe Gemüse, die eben nur kümmerlichen Ertrag bringen. Umdenken, die Gartenjahreszeiten individuell neu interpretieren und den Rhythmus der Pflanzen erfühlen, mit naturnahen Pflanzungen variieren und experimentieren, das kann zunächst unser gärtnerisches Treiben im Hinblick auf den Klimawandel bestimmen.

Und um noch einmal mit Mister Robinsons Tönen zu flöten, war ich im Spätherbst mit Samentütchen und Blumenzwiebeln auf Paulandia unterwegs und habe Favoriten für einen Wild Garden in die Erde gebracht: Lerchensporn Coridalis solida und Zwerg-Stern-Tulpen Tulipa Tarda, die sich auswildern können und Sommer-Knoten-Blumen Leucojum aestivum ‚Gravetye Giant‘, eine Züchtung von William Robinson. Im Staudengarten Wiesen-Schafgarbe Achillea millefolium und Phlox amplifolia ‚Waupee‘ (‚Weißer Falke‘) für weiße Akzente im Blau der Kugeldisteln. Und für die geheimnisvolle Farbe Rot geht eine wanderlustige Truppe der Kleinen Witwenblume Knautia macedonica ‚Mars Midget‘ an den Start.

Lassen wir immer wieder eine gute Saat aufgehen.


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