... Eine Insel

Poetische Gartenbriefe aus Lilly Sommers Laube

UND IN DER MITTE ENTSPRINGT EINE INSEL
Plaudereien über Molche



Liebe Gartenfreunde!

Schaut herein ins Neuland und lasst Euch erzählen,
vom Schauspiel der Bergmolche, wenn sie tanzen.
Und von Visionen die einen Garten zum Gemälde stilisieren können.

Nach dem strengen Frostkleid des März kamen wir erst mit den wärmeren Apriltagen zurück nach Ottonien. Der Garten begann sich wild zu schütteln und aufzurütteln, als wolle er ausbrechen und Wolken aus Grün in den Frühlingshimmel blasen. Die würdevollsten und eigenständigsten Stauden sind in diesem Spiel des Aufbruchs die Pfingstrosen. Sie drängen sich mit ihren rötlichen, stoßfesten Austrieben bereits aus der Erde, wenn die Schneeglöckchen gegangen sind. Da heißt es, ihnen den Boden lockern, mit einer Stange ihren Ort markieren und sie weich begießen und hervorlocken. Das mögen sie. Nur eines nicht: Standortwechsel! Und wenn ihre prallen Knospenkugeln sich wie mit bombastischem Willen zur Schönheit aufplustern, macht es gleich Peng und sie sind schon da: Die Bauerngarten-Pfingstrosen Paeonia officinalis 'Rubra Plena'. Es ist eine Wonne wie sie als purpurfarbene Prachtsolitäre immer wieder an ihrem angestammten Platz heraufdrängen. Wenn auch der Auftritt ihrer Blüte nur von kurzer Dauer ist, gelten mir die Paeonien als unantastbare Hochköniginnen des Frühlings. Schnitt für die Blumenvase kommt wie Standortwechsel nicht in Frage.

In der Mitte meines Gartenreichs wächst nun eine Insel, die kurz vor Weihnachten des letzten Jahres während zwei aschgrauen Regentagen aufgetaucht ist. Wie die Vulkaninsel Krakatoa, die niemals aufhört Steine zu werfen und sich immer wieder selbst erschafft, wird diese Insel Paulandia stetig mehr in den Garten hineinwachsen. Den Anstoß zu ihrem naturnahen Charakter gab der Entwurf eines Naturgärtners und die eruptiven Kräfte entstammten mannstarker Arbeit.


Paulandia im noch zarten Frühlingsflor. 150 heimische Pflanzen wurden eingesetzt. Totholz für Libellen und andere Kleinlebewesen. Ein Sandplatz lockt Wildbienen an. Und die Molche des Vorjahres sind aus ihren Winterquartieren zurück ins Luxusbiotop eingekehrt .


So hat sich die Insel Paulandia in zwei Tagen gehoben. Sie verleiht dem Garten neue natürliche Strukturen, stellt jetzt seinen Mittelpunkt und seine Seele dar. Mit einem sacht plätschernden Wasserlauf für das Leben.
(Tausend Dank an ‚Ganzheitliche Naturgärten‘ von Bachelor of Science Sebastian Ripp mit seinem feinen Team!)


Wie schön ist es doch, über Molche zu erzählen. Genauer über Ichthyosaura alpestris, die Bergmolche. Jeden Abend zur ‚Blauen Stunde’, aus der französischen Redewendung ‚entre chien et loup’, zwischen Hund und Wolf, wenn die Sonne ihren mildesten Streif über den Garten schickt und die Pflanzen und das Wasserreich der Molche in lichtblaue Töne getaucht sind, dann kommen sie zum Luftschnappen herauf aus ihren Verstecken und bereiten mir die genüsslichste Stunde zum Ende des Gartentages.


Er wollte ihre Schönheit zeigen: Rösel von Rosenhof schuf um 1750 dieses prächtige Aquarell von Bergmolchen in Wassertracht.
(Erstmals 2009 veröffentlicht in „August Johann Rösel von Rosenhof - Künstler, Naturforscher und Pionier der Herpetologie“ von Prof. Manfred Niekisch)

Der frühe Naturforscher, Künstler und Pionier der Herpetologie Rösel von Rosenhof hat Meilensteine für die Erforschung der Frösche und der Molche gesetzt. Dennoch geben sie immer noch Rätsel auf. Gerade die Bergmolche, und nur solche habe ich im Garten, besiedeln auch neu entstandene kleine und kleinste Gewässer. Wie sie diese finden - und das mit ihren kurzen Beinen, ohne Überblick, ganz nah am Boden – grenzt an ein Wunder. Dank meinem Freund Manfred Niekisch, der als Zoologe und Herpetologe ziemlich genau weiß wo es lang geht, sind zur Lebensweise der Molche nun einige meiner Fragen wissenschaftlich beantwortet. Er schrieb mir:

„Bergmolche wandern zwischen Sommer-/Winterquartier und Laichgewässer bis zu etwa 600 m, gern aber auch weniger. In der nächsten Umgebung Deines Teiches finden sie ja genug Futter- und Versteckmöglichkeiten. Wie die Alttiere, die ab Juni das Wasser verlassen (nach der Vermehrung) so verlassen auch die Jungtiere (nach der Metamorphose mit dem Verlust der Kiemen) bis in den September hinein die Gewässer, leben dann an Land und beziehen im Herbst die Winterquartiere. Manche Individuen überwintern vielleicht auch in den Gewässern, aber das ist nicht ganz geklärt.“

Eines aber weiß ich jetzt aus Erfahrung: Zielsicher bestehen meine Ichthyosaura alpestris darauf, beim ersten Frühlingserwachen in ihr angestammtes Laichgewässer zurückzukehren. Ob dieses zuvor nur noch ein schmuddeliger Tümpel war, oder ob es die inzwischen zum idealen Revier gewordene Urlaubsinsel Paulandia ist, sind sie in ihrem Lebensraum so „unverpflanzbar“, willensstark und beharrlich wie die Paeonien.

Live aus Paulandia: Meine Bergmolche bei der Balz.

Manchen der Molche habe ich Namen zugeordnet: Der stolze ‚Blaue Molly’ (links) in seinen leuchtenden Balzfarben wirkt wie ein echter Beau, wenn er wie ein Vortänzer zum Wasserballett auftaucht. Und die ‚Grüne Minna’ (rechts) mit ihrem dicken Bauch voller Laich, erscheint mir wie eine Art Urmutter, wenn sie kurz mit dem 'Flinken Anton' flirtet, der nur blitzartig auftaucht, um Luft zu schnappen und flugs wieder verschwindet. Und ich bewundere den ‚Artistischen Utz’, der sich mit einem Händchen am Teichvlies festhält und eine kleine Gymnastikshow aufführt. Indessen lässt sich der ‚Schwebende Pan’ herabsinken wie ein Beau, der alle blauen Mollies becircen möchte. Ja, ich möchte meinen, Molche führen in ihrer schillernden Wassertracht auf der Balz herrlich abstrakte vor-menschliche Reigentänze auf.

Natürliche und farblich komponierte Umgebung nahe beim Teich.

Wenn wir dann mit Erdbeerkuchen am Molch-Observatorium ausharren, stellt sich ein Erdenfriede ein, den es so nur auf Paulandia gibt. Der Blick geht auch in die zauberfarbenen Pflanzenreigen rings um den Teich, die anscheinend von selbst in den Garten eingeflogen sind. Aber eben nur scheinbar, denn ich helfe immer ein wenig nach und vergesellschafte sie. Die tänzerischen, mit ihren Blütenköpfchen nickenden Akeleien mit dem Reinweiß einer Azalee. Die liebenswerten Gartenwanderinnen sind wirklich immer zum Sprung bereit. Auch zum gelbblühenden Frauenmantel hin mit seinen wie von Tau benetzten, lindgrünen samtigen Blattrosetten. Ein beruhigender natürlicher Anblick.


BESUCH BEI EINEM MEISTER DER KOMPOSITION

Nahezu ein impressionistisches Gemälde. Ein Steppenbeet vor prächtigen Hartriegelbäumen im Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof zu Weinheim. Die tiefblauen Prärielilien (Camassia leichtlinii suksdorfi) verbinden sich mit dem helleren Weiß und Rosa der Hartriegel.


Ich hatte im sonnigen und gärtnerisch drängenden Mai eine Verabredung mit dem Leiter des Hermannshofs, Professor Cassian Schmidt. Ich wollte gerne ein Radiofeature über die neue Lust am Grün und der längst fälligen Rückkehr zu mehr Natürlichkeit für den Deutschlandfunk verfassen. Und so bin ich im Hermannshof einem wirklich glücklichen Mann begegnet, der mit seiner Liebe zum Beruf in farbiger Sprache ausstrahlt, was das Gärtnern bei all der Mühe und harter Arbeit zum empfindsamen Erlebnis und zur Vision werden lässt.

COLUMBINES and GERANIUMS in meadow grass –Akeleien und Storchenschnabel im Wiesengras.
(Aus William Robinson „The Wild Garden“, limitierte Auflage von 280 Exemplaren, 1897)

Im Hermannshof habe ich nach den Mount Usher Gardens in Irlands Garden-County Wicklow die Natur gewordene Variante eines Robinsonianischen Gartens gefunden. Ein naturalisierter Garten, in dem Pflanzengemeinschaften gestaltet sind. Bewundernswert selbstbewusst ist dieser Garten, der sich auf ökologische und geografische Kategorien stützt. Die Pflanzen sind in Zonen wie Wald, Wiese, Steppe, Prärie und ihrer Herkunft nach in jahreszeitlich folgenden Schichten vergesellschaftet.

Kompositionen wie Gemälde. Präriegarten und Waldgarten im Hermannshof: „Gepflanzte Hoffnung, die der Gartenarchitekt zum Klingen bringt. Aus lebendem Material. Ein Gärtner hat immensen Einfluss auf das Bild. Ein Schaffensprozess etwa wie Action Painting“. (Cassian Schmidt)

Nun wage ich nicht zu behaupten, in meinem Garten annähernd an solche Gartenkunst heranzukommen wie sie der Landschaftsarchitekt Cassian Schmidt pflegt. Ich bin mir aber gewiss, dass die aus Ottoniens Mitte entspringende Insel Paulandia bereits eine solch eigenwertige Zone darstellt. Ursprünglich war es ja nur eine der Wildnis überlassene Teichwanne aus Hartplastik, die jetzt zum Brutplatz für Insekten und Amphibien und gestaltendes Element für eine mannigfaltige Pflanzengemeinschaft geworden ist.


A Bog Garden –. Eine solche Zone mit Frauenschuh und Waldlilien findet man fast identisch in natura im Hermannshof.
(Aus William Robinson „The English Flowergarden Garden“ Reprint 1995)

Das ist es, was ich aus dem sensiblen und spannenden Gartengespräch mit Cassian Schmidt als Essenz gelernt habe. Man kann und sollte für den Garten aus der Natur immer wieder abkupfern. Es waren drei Stunden voller Inspiration und Gedankenaustausch, welche Befreiung von statischem Denken ein informeller, in Schichten angelegter Garten bedeutet, in dem sich die Natur ihre Wege bahnen darf und vom Gärtner nur in seiner Dynamik verstanden und gelenkt wird. Und nicht ganz wie von selbst kamen wir auch auf den Gartenphilosophen William Robinson und sein bahnbrechendes Werk „The Wild Garden“ zu sprechen. Das Buch lag mit vielen anderen rings um das Mikrofon aufgeschlagen auf Cassian Schmidts Arbeitstisch im Gärtnerhaus.


Naturalistischer, relaxter Stil einer Glyzinie (Wisteria floribunda) im Garten Gravetye Manor von William Robinson. Ein identischer Wandelgang mit einem 80jährigen Blauregen krönt im Frühling den Hermannshof.
(Aus William Robinson. „The English Flower Garden“, Reprint 1995)

Cassian Schmidt: „William Robinson war damals schon seiner Zeit sehr sehr weit voraus. Man sieht, er ist immer noch hoch aktuell. Und er wendet sich einfach gegen etwas, das garnichts mit formell oder informell zu tun hat, sondern er gibt der Natur mehr Raum. Er sagt: ‚Man ist wirklich nur ein Künstler, wenn man die Natur versteht, wenn man sie kenntnisreich beobachtet und dann wird man eigentlich erst zu einem Gartenkünstler. Wenn man eben nicht dekoriert!’ Er will ja die Natur durchaus überhöhen, er will die Prinzipien verstehen, aber er will nicht die Urnatur sondern für den Menschen erlebbare Natur. Am Haus die Pflanzen, die Obhut brauchen und weiter im Garten dann ferner vom Haus sind es die Stauden, die Gemeinschaften bilden und weitgehend für sich selbst sorgen. Das ist dann der Cottage Garten.“


Etwas entfernt von meiner Gartenhütte kommt jetzt das angelegte Staudenbeet mit Sommerfarben in Fahrt. Mohn flammt auf, rosa und weißer Digitalis haben sich wild zum Geranium gesellt. Blaue Kugeldisteln und gelbe Rudbeckia stechen schon durch den vergangenen Flor von Vergissmeinnicht und jetzt aufspringenden blauen Glockenblumen. In Freiräume sähe ich ein- und zweijährige Wildblumen mit sortenreinem Samengut aus Irland. Es ist etwa wie ein gewolltes Blumenlotto, wo sich die Gaukler - immer als Gewinn – dann zeigen werden. Paulandia soll und darf ja in Bewegung bleiben und sich teilweise auch selbst versorgen.



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* Die Gartenbriefe 01-06 2016 sind online nicht verfügbar aber in Papierform vorhanden.

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