EINWANDERUNGEN
Von Würfelbechern, Schlotterhosen und Papierpalästen
Liebe Gartenfreunde!
Geht mit mir auf Gartenreise und entdeckt wundersame 'Würfelbecher' und die Vielfalt freundlicher und begrüßenswerter Einwanderer. Ruht Euch in der blauen Stunde am Teich inmitten von Farben und Formen aus und genießt die immerwährenden Augenblicke des Sommers mit Wildrosen und Lavendelduft.
Meine nahezu fiebernd erwartete Frühlingsblüherin hat mich auf Paulandia wieder wonnig begrüßt. Die Schachblume, oder auch Kibitzei genannten feinstieligen Pflänzchen mit ihren seidenpapierzarten wimpelnden Becherblüten sind eine der wundersamsten Erscheinungen im frühen Gartenmonat. Es ist nur wichtig, einen ihr Naturell begünstigenden Platz zu finden. Fritllaria ist verwandt mit den Lilien und in den gemäßigten Gebieten der Nordhalbkugel mit über 100 Arten verbreitet. In Mitteleuropa wild vorkommend ist jedoch nur die in Deutschland und Österreich stark gefährdete Fritillaria meleagris mit ihren einem Schachbrettmuster gleichenden Maserungen der Blütenblätter. Sie braucht einen feuchten und sonnigen Standort, schmiegt sich gerne in Büscheln aneinander. In unseren verdichteten Landschaften, in denen natürliche Teichgewässer, Feuchtwiesen oder naturbelassene Seeufer fehlen, fällt der zierlichen Schönheit - deren Name sich aus dem Lateinischen fritillus – Würfelbecher herleitet - das Überleben allerdings schwer. Alljährlich zu Ostern erfährt sie deshalb eine Renaissance, indem man sie aus kaum fingernagelkleinen Zwiebeln in Treibhäusern vorzieht, sie mit Blausternen und Hornveilchen in moosbedeckten Schmuckkörbchen arrangiert und als Tischdekoration in den Handel bringt. Ein rasch vergängliches Dekor, wenn man nicht weiß, dass die Pflänzchen nach der Blüte aus den verwelkenden Blättern und Stielen die Nährstoffe zur Kräftigung ihrer Zwiebeln bis in den August ganz einziehen müssen. Erst dann kann man ihre Zwiebelchen „ernten“ und im Freiland auswildern. Bis dahin muss man sie über den Sommer im Topf ausdauernd gießen.
DER TEICH EINE SONNIGE FEUCHTWEIDE
Herrliche Kontraste in Blau: Günsel in oberer Ebene des Biotops verpaart mit bald blühenden Pfingstrosen. Hügel abwärts verbindet sich in Blau- und Rosatönen changierendes Lungenkraut mit den Schachblumen.
Ich fand das Lungenkraut (Pulminaria officionalis lat. pulmo – Lunge) in vielen Gärten, die ich im Lauf der Jahre betreut habe bis ich meinen eigenen locus amoenus auf Paulandia fand. Überall dort war dem in seinem Auftritt so zartfarbigen, fast unscheinbaren Pflänzchen gemeinsam, in wenig attraktiven schattigen Ecken unbeachtet ein Aschenputteldasein zu fristen. Verstoßen tat es als fleißiger Bodendecker im Abseits seinen Dienst wurde aber nicht in seiner farblichen Eigenheit erfasst. Nachdem mein beratender Naturgärtner Sebastian Ripp das von der Mauer des Biotops leicht abfallende Beet gleich mit einer Schar von Pulmonaria bepflanzt hat, perlen sie im zweiten Jahr mit ihren heiteren Blütenkerzchen gleich einer Kaskade am Teich um die Schachblumen herunter. Das fühlt sich an wie ein Bild von schwesterlichem Einverständnis. Und Bienen und Hummeln verkosten bei ersten Ausflügen ihren Nektar. Die Trivialnamen, die man Pulmonaria seit dem Mittelalter zukommen ließ, sind meistens auf seine wechselnden Blütenfarbe gerichtet: Hänsel und Gretel, Brüderchen und Schwesterchen, auch Bachkraut, Himmelschlüssel und - „Schlotterhose“ wird sie genannt. Wie es zu dieser Phantasie kommt, bleibt mir ein Geheimnis.
FRIEDLICHE BRUMMER ZUM ENTSPANNEN
Stress im Garten? Immer mal hinsetzen, beobachten und warten, wer da noch zuwandert. Mops Otto genießt duftende sonnige Plätze ebenso wie seine Menschen.
Und noch eine Einwanderin hat sich auf den Buntsandsteinen des Biotops kundig gemacht. Eine beeindruckende Hornisse! Mir waren die großen Überflieger der Wespenverwandtschaft und das größte Staaten bildende Insekt der heimischen Tierwelt aus der Erinnerung geraten. Zu weit liegen die Kindheitstage zurück, in denen ihre Erscheinung im Urlaub auf dem Bauernhof für bewundernde Schauder auf dem Rücken sorgte. Längst widerlegt ist allerdings das damals noch hartnäckige Vorurteil: „Sieben Hornissen töten ein Pferd, drei einen Erwachsenen und zwei ein Kind“. Am Biotop sitzend brummte eine der eleganten Fliegerinnen ganz sacht und leise auf einen warmen Buntsandstein vor meinen Füßen und nahm mit ihren facettierten Komplexaugen wohl feinste Scans der Umgebung vor. Möglicherweise eine Hornissenkönigin, friedfertig mit sich selbst beschäftigt, um auf Paulandia nach künftigen Ernte- und Jagdgründen und einem Ort zur Staatenbildung zu spähen. Es wäre aber nicht sehr wünschenswert, wenn sie sich wohl den First unterm Dach der Gartenhütte zum Bau ihres ‚Papierpalastes‘ auswählen würde. Ja so heißen ihre kunstvollen Nester. Aber eine Lanze möchte ich brechen für diese längst auf der Roten Liste stehenden Faltenwespen, die wegen überhöhter Angst des Menschen gnadenlosen Vernichtungsaktionen zum Opfer gefallen sind. Die wenigen Minuten, in denen die eingeflogene Hornissenkönigin das Umfeld und meinen nackten Fuß auf Paulandia erkundete, gehören zu den faszinierendsten, ruhigsten und sehr ergreifenden Momenten dieses Frühsommers. Und bald werden auch die ebenso faszinierenden wie imponierenden Blauen Holzbienen aus ihren Schlupflöchern im morschen Holz ausfliegen und Paulandia abweiden.
Eine komplexe Ingenieurin der Natur, die sich für den Bau ihres Papierpalastes zuweilen genau den Richtigen auswählt. Auf die jährliche Rückkehr der Blauen Holzbiene, Xylocopa violacea, ist Verlass.
(Wespenbilder: Helmut Hintermaier, aus dem faszinierenden Buch „Bienen, Hummeln und Wespen im Garten und in der Landschaft“. Obst- und Gartenbauverlag, München)
Sie ist in ihrer Größe der Hornisse ebenbürtig. Auch ihr Flug imponiert durch sonores Brummen und unbeirrte Zielorientiertheit allein zu ihren Weideplätzen. Ab Mitte Mai erwarte ich ungeduldig ihre Besuche, da die Holzbiene in ihrem fast metallischen tiefen Tintenblau eine einzigartige Erscheinung ist. Ihre spezielle Art mit ihrem großen Körper nahezu akrobatisch in die kompliziertesten Blütenköpfe hinein zu schlüpfen gleicht einem kleinen Schauspiel. Faszinierend wie sie mit ihrem säbelartigen Mundwerkzeug auch sehr tief sitzende Blütenkelche ansticht und Nektar saugt. Scheinbar magisch angezogen ist sie von weißen Blüten als suche sie den perfekten Kontrast, um in ihrer Schönheit erkannt zu werden. Im späten Frühjahr weidet sie weiße Iris ab und auf den Sommer hin kommen die weißen und rosafarbenen Duftwicken an die Reihe, denen ich im Garten viele Plätze gegeben habe. Ich bin keine Wissenschaftlerin, um diese Blütenstetigkeit zu bewerten. Aber es muss einen natürlichen Grund geben, dass sich diese herrliche Solitärbiene, die keine Staaten bildet und als Königin allein unterwegs ist, diese Nahrungsquelle aussucht.
EIN POETISCHER SOMMERANFANG
Oh Augenblick – wie schön Du bist!
Diesen Augenblick liebte ich, der nun vorüber ist und von dem ich, da er verging,
fühlte, dass er erst sein wird.
(Christian Morgenstern 1871-1914)
Nach dem frühen Auftrumpfen des heißen Sommers möchte ich dieses zärtliche Zitat meiner verstorbenen Freundin Johanna Eichhorn widmen, die eine begeisterte Zitatensammlerin war. Nicht nur in ihrer abstrakten Malerei, auch in fotografisch abstrahierten Blumentableaus hat sie die Jahreszeiten eingefangen, die Augenblicke des Überschwanges im Erblühen wie auch die hingenommene Vergänglichkeit bis hinein in die nature morte. Mein Wildrosenbeet, das ich zum Gedenken für sie angelegt habe, zeigt jetzt im dritten Jahr eine solch bezaubernde Grazie in natura, dass es nahezu wie aquarelliert erscheint. Scheinbar als sei es wild bepflanzt ist es doch mit Bedacht und langer Vorentscheidung geplant. Denn da ging es um die Frage nach den Namen der Wildrosen und um ihre zum Standort passenden Vertreterinnen. Johannas Beet, das in der Diagonale zum Biotop die Schmalseite des Gartens flankiert, eröffnet nun im Mittelpunkt eine Rosa Gallica Complicata die keine Ausläufer bildet. Links und rechts von ihr versetzt begleiten sie zwei kleiner wüchsige Wildrosen Gallica Versicolor in der Hoffnung, dass diese Drei ineinander wachsen und sich umarmen werden. Die Beeteinfassung säumen Lavendel der herrlich dunklen Sorte angustifolia. Im Hintergrund setzt Kugelthymian grafische Akzente, der sich gut in Form halten lässt. Der Duft ist köstlich und in der Erinnerung unvergänglich, wenn man diese Schönheiten nur ein wenig streift und liebkost.
Geht es so weiter mit den Hitzewellen und verfrühten Sommern könnte gerade dieses wunderschöne Beet einen mediterranen Charakter annehmen und wilder anmuten als künstlerisch komponiert wie es jetzt erschienen ist. Die Liebe des Sommers, die Nähe des Herbstes, das Vergehen und die Starre des Winters – all das ist ein Reigentanz bis zum nächsten Lenz. Und nichts können wir für immer festhalten.
Johanna K. Eichhorn „Spinnenbaum mit Rose“ (cc:. Gotthart A. Eichhorn)
Wandeln wir also weiter durch meinen frühsommerlichen Garten. Schauen wir genau hin, konzentrieren uns auf die Sichtachsen, den Boden, nehmen immer wieder den Blick in die kleinsten Strukturen auf. Alles will ins Licht hinauf, will Luft schnappen und anderes will verdrängen, überwuchern, strangulieren - um selbst am Leben zu bleiben.

Wildfänge und Stauden paaren sich gerne. In einem nur kleinen Gewässer will die Teichrose für sich alleine glänzen.
Mohn für Anfänger stand auf dem Etikett der vorgezogenen Containerpflanze. Und entgegen meinem Grundsatz keine Spontankäufe zu tätigen, habe ich in einem Pflanzengroßmarkt zugegriffen. Ich war einfach zu neugierig ob ich wohl als Anfängerin gelte oder es als fortgeschrittene Naturgärtnerin auch mal mit einer hybriden Züchtung aufnehmen kann. Und so machtvoll und monothematisch nun dieser Mohn den Vordergrund des großen Sommerstaudenbeetes für sich eingenommen hat, empfinde ich ihn zwar als leuchtenden Blickfang, aber auch als ziemlich vulgär. Dennoch - ich lasse ihn bestehen als einen der schönsten Fehlgriffe meiner Gartenanfänge. Die Teichrosenzüchtung Terry´s Baby Red dagegen zeigt sich als Glücksfall zur kunstvollen Gestaltung des kleinen Teichs.

Wer möchte hier nicht bei schmeichelnder Abendsonne mit einem kleinen Apéro sitzen.
Dem Konzert der Vögel lauschen, Libellentanz beobachten, sich über die Sonnenflecken im Waldgeißbart freuen, am Leuchten der Apothekerrosen, den Blitzlichtern der bald aufspringenden Gesellschaft der Scabiosa, auch Acker-Witwenblumen genannt, die einen wunderschönen Flor wie von Wildblumen erzeugen und eine Weide für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge sind.
In einer der schon hitzigen Nächte als ich diesem Anblick bis zum grünleuchtenden Aufstieg der ersten Sonnenstreife nicht widerstehen konnte, stellte sich ein anderes Konzert ein. Zunächst drang es aus einem Garten in einiger Entfernung, rückte bald mit einem Solosänger näher ans Biotop zu mir heran und stellte sich bald aus nächster Nähe als möglicher neuer Teichbewohner vor. Ich hieß ihn als Mister Froggs sehr willkommen. Leider quakte er mit seinen geradezu empört aufgeblähten weißen Schallblasen nur wenige Tage unter dem Röhricht hervor. Dann war er wieder verschwunden, dieser bildschöne grün-braune Teichfrosch. Der Tümpel war ihm für Brautwerbung und Familiengründung wohl doch zu klein. Aber jedem anderen Kleinlebewesen ist solch ein Gewässer ökologisch gesehen der lebensspendende und wertvollste Ort in meinem Garten.

Akeleien, Phacelia (Büschelschön) und Wildrose Gallica Versicolor als sorgsame Bienenweide.
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* Die Gartenbriefe 01-06 2016 sind online nicht verfügbar aber in Papierform vorhanden.
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Frühling/Sommer 2017
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