Wunderschöne Zufälle

Poetische Gartenbriefe aus Lilly Sommers Laube

WUNDERSCHÖNE ZUFÄLLE
Von heilsamen Kräften und duftigen Pfaden

Liebe Gartenfreunde!

Kommt mit mir in die hitzige Atmosphäre eines Jahrhundertsommers.
Entdeckt die Wunder der Prärie und den ersten Flor der aufgetauchten Garteninsel Paulandia.
Lernt zwei Junge Wilde und Künstler der britischen Gartenkultur kennen.
Und ach ja, wir müssen auch mal über das Bundeskleingartengesetz reden.



Was für einen Sommer haben wir da erlebt! Noch hitziger als das Rekordjahr 2003, das aber nicht diese lange Dürre hatte. Schlaue Bauernregeln in Versform für diesen Endlossommer ohne Regen haben vermutlich ausgedient. Dieser aus einem alten Kalender aufgeklaubte bedürfte, da nun das Wort Klimawandel zum Schlager des Jahres geworden ist, gewiss einer Renovierung
Hundstage hell und klar deuten auf ein gutes Jahr, werden Regen sie bereiten, kommen nicht die besten Zeiten.
In meiner Kleingartenkolonie wurde jedenfalls das Wort ‚Gießen’ zum Reizthema. Die Regentonnen blieben monatelang mäßig bis nicht gefüllt. Gleichzeitig aber zeigte sich meine im letzten Jahr angelegte Biotopinsel Paulandia mit ihrer Buntsandsteinmauer als Gewinnerin in der Jahrhunderthitze als Feuchtigkeitsspeicher. In ihrer Nähe genossen auch die im Vorjahr gepflanzten Purpursonnenhüte Echinacea purpurea ihren großen Auftritt. Da die hübschen prächtig pinkfarbenen Blütenköpfe in ihrer Mitte einen recht stacheligen Kopf tragen, wird die herrliche Staude auch ‚Igelkopf‘ genannt. Vom griechischen Wort „echinos“ abgeleitet, das ebenso „Igel“ heißt. Ich nenne Echinacea auch gerne meine „schrillen Griechinnen“ obwohl sie aus den Prärieen Nordamerikas stammt. Nach Europa kam sie erst im späten 18. Jahrhundert. Sie gedeihen an felsigen Standorten, in Dickichten und Trockensteppen sehr gut. Und sie sind eine wirkliche Augenweide von bezaubernder Kraft, welche schon die Indianer Nordamerikas als Heilpflanze zur Stärkung des Immunsystems entdeckten.


Insel Paulandia im ersten Jahr: Hier sind heimische zartstielige, wimpelnde und gefiederte Pflanzengesellschaften mit Bedacht zueinander gesetzt. Apothekerrosen umrahmt von Edelgamander und Lavendel. Hellgelbe Scabiosen setzen feine Akzente. Glockenbumen und Schwarze Nachtkerzen recken sich neben Blutweiderich auf. Und Blauer Günsel untermalt das Bild, das jedes Jahr ein wenig anders und schöner erscheinen wird.


Der Teich lockt viele kleine Lebewesen an. Herrliche Prachtlibellen der Blau-Grünen Mosaikjungfer legen ihre Eier in die Totholzskulpturen. Hauswurze Sempervivum fühlen sich im Steingarten zu Hause wie in den Alpen. Und wer bewußt unordentlich gärtnert, erntet um die Mauer herum den zarten Anblick süßer Walderdbeeren vereint mit Storchenschnabel.


Die Nachtkerzen entfalten in der Abenddämmerung ihre Blüten in sichtbarer Zeitlupe.


EIN LEIDENSCHAFTLICHER GÄRTNER UND EIN LANDSCHAFTSMALER

Der kunstvolle Stich ‚Nachterscheinung der Großen Abendblume’ stammt aus dem Buch ‚The Wild Garden’ – Naturalization and Natural Grouping of Hardy Exotic Plants – des frühen Naturgärtners William Robinson.
Sein Freund, der Landschaftsmaler Alfred Parsons, lieferte die Illustrationen.


Mein stolzer Besitz von „The Wild Garden“ ist das hunderteinundsechzigste der 280 Exemplare von 1897, gedruckt auf geschöpften Papier an der University of Oxford. Sie ist mit William Robinsons wild entschlossener Handschrift signiert und mir zur ‚Bibel’ für die Gestaltung von Paulandia geworden. Es sind darin für jene Zeit fast anarchischen Manifeste für den natürlich aus sich selbst schöpfenden Garten dargelegt. Und all die kunstvollen Illustrationen von Alfred Parsons überhöhen die Natur bewusst und ganz im Sinne Leidenschaft des Naturgärtners William Robinson. Die beiden Männer müssen sich gesucht und gefunden haben. Parsons war ein hochangesehener Landschaftsmaler und leidenschaftlicher Gärtner und gehörte einer wilden Gärtnern entschlossenen Künstlerkolonie in dem kleinen Ort Broadway in der damals schon berühmten Gartenregion der Cotswolds (Worcestershire) an. Sein engster Freund war der amerikanische Künstler Francis Davis Millet. Die Jungen Wilden der Kunst und Gartenkunst fanden sich im British Empire zusammen – und die Welt war offen für den gärtnerischen Blick auf die Pflanzenwelt Nordamerikas. Für eine Reise in die USA, vermutlich um Pflanzen zu sammeln, ging Millet unglücklicherweise an Bord der RMS Titanic und ertrank in jener Schicksalsnacht vom 14. auf den 15. April 1912. Von seinen vier Kindern hatte er einen seiner beiden Söhne ‚John Alfred Parsons Millet’ getauft.


EIN WUNDERSCHÖNER ZUFALL
Eine Gruppe Süßdolden in nicht umgegrabenem Gebüsch,
mit weißen Glockenblumen hier und dort.

Robinson und Parsons fanden das Bild bei einem Streifzug vor dem Botanischen Garten von Camebridge. Und beide nahmen Maß für ihre gestalterischen Visionen. Robinson ebenso wie Parsons mit Tiefenschärfe in die Natur hinein.
‚Einige Wurzeln der gewöhnlichen Myrrhe waren wohl aus dem Garten der zum Umgraben stand, hinausgeworfen worden und hatten zufällig als kleine Gruppe Wurzeln geschlagen. Unter die Tuffs der Myrrhe setzten sich, ebenfalls aus den Blumenbeeten im Garten herausgeworfen, um sie los zu werden, einige hochwachsende weiße Glockenblumen. Und dieser Effekt über dem sich ausbreitenden Laubwerk der Myrrhe mit der im Schatten der Bäume höherstehenden Gesellschaft der Glockenblumen war ausgesprochen schön. Der Vordergrund des Gebüsches, in dem sich dieses Bild fand, war hingegen so steif und hässlich wie gewöhnlich – nackte Erde voller mit der Hacke verstümmelter Wurzeln und niedergeschnittenen Stängeln von Sträuchern – wie frisch ausgehobene Gräber.’ (The Wild Garden, 1897)

ZWEI WUNDERSCHÖNE ZUFÄLLE
Eine alte Asternstaude mit eingewanderter weißer Glockenblume.
Taglilien und die fast verschollene Rarität der Fackellilie Kniphofia

Nicht um Verwilderung geht es ja in ‚The Wild Garden’. Vielmehr um die Gunst des Zulassens, eines nicht-zu-ordentlich-Seins und um das Verständnis wie die Natur gestaltet. Mit der Fackellilie sind wir noch internationaler geworden. Sie stammt aus den Hochländern Südafrikas und war in einem ständig gehackten Garten, der Paulandia vor meiner Zeit war, einfach begraben worden.
Im Manifest des großartigen Hermannshof-Gartens in Weinheim, der in England heute als Vertreter des „New German Style“ bewundert wird, findet sich denn die Essenz all dessen, was Mister Robinson vorweggenommen hat. Er würde sich gewiss noch in seinem himmlischen Paradies darüber freuen.

Ein duftendes Zusammenspiel: Ein Kräuterpfad mit Boretsch, Heiligenkraut und Lavendel, Blauem Salbei und Kugellauch.



ERNTEDANK UND DIE SACHE MIT DEM BUNDESKLEINGARTENGESETZ


Mit den reifen Süßkirschen schon im Juni hat der Jahrhundertsommer auch die Erntezeiten um rund einen Monat vorverlegt. Die Gartenkolonie wurde zu einem hortus amoenus, in dem die reifen Früchte förmlich von den Bäumen ins Mäulchen fielen. Die Kirschen so reichlich, herrlich saftig... So bin ich unter die Marmeladenköchinnen gegangen. Mit Zimt und Rum und so wenig Gelierzucker wie möglich aufgekocht reicht der Vorrat der süßen Verführung bis in den Winter.
In den letzten Wochen war es dann ein Geben und Nehmen von Gartennachbar zu Gartennachbarin. Das ist eine feine Sache in unserer kleinen Vielvölkergemeinschaft, die geografisch ungefähr zwischen Russland, Balkan, Iberischer Halbinsel und deutscher Gründlichkeit angesiedelt ist. Was der Eine zu viel hat, und alle haben zu viel, wird den Anderen über den Zaun gereicht. Süßkirschen gegen Sauerkirschen, Zucchini gegen Bohnen, Äpfel gegen Birnen und Pflaumen... ein Naschmarkt unter der Sonne.

Ein Jahrhundertsommer auch für den Wein. Der richtige Zapfenschnitt begünstigt ihn.

Aber halt! Da war noch etwas. Es fand sich im Frühjahr auf einer sorgsam in Dokumentenfolie gesteckten Mängelliste mit Reißnagel an meine Gartenhütte gepinnt. Ein Haken, in der Rubrik „Keine ausreichende gärtnerische Nutzung“. Was für eine missverständliche und sozusagen öffentliche Anklage und zugleich Auflage. Nun gut, schließlich unterliegt die Gartenkolonie dem Bundeskleingartengesetz, das besagt, dass solch ein Garten – und nur im Verbund mit mehreren solcher Gärten ist er auch gesetzlich anerkannt – zu einem Drittel der Erholung dienen soll, wozu auch eine Rasenfläche von festgelegter Größe gehört. Zu einem Drittel aber muss darin – sogar nach höchstrichterlichem Spruch am Bundesgerichtshof - der Anbau von Obst und Gemüse als ‚Gärtnerische Nutzung’ in Erscheinung treten. Und ein Drittel dürfen die Gartenlaube und Wege einnehmen. Um die Einhaltung der Gemüse-Verordnung und einiger anderer Regeln zu sichern, inspizieren die beiden Obmänner des Gartenvorstands zu Anfang und Ende des Gartenjahres alle Parzellen und pinnen die zunächst freundlich gemeinten Denkzettel an die Hütten. Wenn jedoch nicht Abhilfe geschaffen wird, droht eine Abmahnung. In schlimmsten widerborstigen Fällen sogar die Kündigung der Pacht.

Nun gibt es vorbildlich angelegte Gemüsegärten in meiner Nachbarschaft. Besonders dort, wo der Balkan zu Hause ist und die Russland-Deutschen ihre Heimatsehnsucht nach der Datsche ihrer Eltern und Großeltern stillen. Die Gemüsekultur braucht eben „ererbte“ bäuerliche Kenntnis, die mir nicht zuteilgeworden ist. Einem Naturgarten als Lebensraum für die kleinen Gartenfanatiker wie meine Wildbienen und Hummeln, die Libellen, Molche, die Feuerwanzen und Nachtfalter, die Schmetterlinge, Holzbienen und Rosenkäfer und lustigen Vögeln wie dem kleinen Zaunkönig, der immer mit seinem „Ich-bins-Ich-bins“-Ruf zu Besuch kommt, sollte eigentlich keine Abmahnung wegen zu wenig Gemüse drohen. Immerhin leistet er im Sinne der ebenfalls in der Kleingartenverordnung stehenden Klausel zum Beitrag für den ‚Umweltschutz und die Erhaltung und Förderung der Artenvielfalt’ einen großen Anteil. Leider ist diese Klausel aber nur eine Empfehlung, das Gemüse jedoch ist ein Muss.

Kleine Pollenwutz labt sich am Nektar des Lavendels.

Auf meinem Schreibtisch liegt nun ein ansprechender Klassiker der Gartenratgeber: Kleine Gartenparadiese – Der Cottage Garten, von Christopher Lloyd und Richard Bird, DuMont 1990. Eine tröstliche Überschrift im Kapitel für die Planung eines kleineren Gartens mit Gemüse lautet hier: Sich genügend Zeit nehmen! Die beiden Autoren des liebevoll gestalteten Buches geben alles an die Hand, was Cottage-Gärten der frühen Jahre zu Prachtstücken gemacht hat. Christopher Lloyd (1921-2006), ein ‚Doyen’ der Gartengestaltung und Richard Bird, ein Spezialist des ‚Alpine Gardening’, wissen Rat.

„Die Größe Ihres Gartens liegt auf der Hand, aber der Zeitfaktor kann leicht unterschätzt werden. Am klügsten ist es, mit einem relativ kleinen Gemüsegarten zu beginnen und ihn in dem Maße zu vergrößern, wie man Zeit dafür aufbringen kann. Machen Sie nicht den verbreiteten Fehler, neue Projekte auf Kosten schon begonnener in Angriff zu nehmen.

Sich genügend Zeit nehmen! Auf kleinem aber freiem Raum das schönste Konzept herausfinden.

So überlege ich unterm hohen Himmel, wo ein kleines Gemüsebeet seinen Platz findet. Weil es natürlich köstlich ist, aus dem eigenen Garten zu ernten. Die Traubenlese war das feinste haptische und fruchtige Erlebnis dieses Altweibersommers und gab mir zarte Erinnerungen an meine Kindheit zurück, als ich an der Hessischen Bergstraße im Weinberg meines Großvaters mit einer kleinen Kiepe auf dem Rücken bei der Traubenlese mithelfen durfte. Er hatte auch einen sehr schönen Steingarten mit viel Beerenobst. Unzählige Eidechsen sonnten sich auf den warmen Natursteinmauern. Aus eigenem Verständnis meines Großvaters heraus war dies ein naturbelassener Garten. Gemüsebau? Fehlanzeige. Hinter dem Haus begannen die Weinterrassen. Und mein Großvater war Forstmeister und kein Gemüsebauer und er hasste Maulwürfe. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich für einen anderen Gartenbrief aufhebe.



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* Die Gartenbriefe 01-06 2016 sind online nicht verfügbar aber in Papierform vorhanden.

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