EIN DSCHUNGEL ALS SPIELWIESE
Die Zähmung eines Wilden Kerls
Liebe Gartenfreunde!
Lasst Euch von den Anfängen meines Neulands erzählen, das sich in eine
bienensummende Oase verwandelte.Von einem zauseligen Kerl mit Herz und
der wunderbaren Entdeckung seiner kleinen Lebewesen.
Aller Anfang ist Überraschung. Ein prächtiger Sommerflieder (Buddlea) und ein zartes Dickicht mit einjährigen Wildblumen als lustige Weide für Bienen, Hummeln und Gaukler im ersten Sommer meines Gartens.
Ich habe meinen neuen Lebensgefährten im Februar kennengelernt, gewissermaßen zu einem Speed Dating lockte er mich in seinen Kleingartenverein und ich war sofort hingerissen von seiner Erscheinung. Eine Glyzinie (Wisteria) lag in seinem Mittelpunkt und viele erwachsene Hibiskus-Sträucher beherbergte er, zwei Kirschbäume, Beerensträucher und Fliederbäumchen waren attraktiv platziert und ein Teich, naja jämmerlich verfroren noch, den würden wir schon zum Leben erwecken. Große nacktbraune Beete waren allerdings ziemlich brutal umgegraben, das würde noch viel Arbeit machen. Und so kam es.
Es war einmal ein Wilder Kerl, der rüttelte und schüttelte sich, warf seine zauselige Mähne herum und verschleuderte seltsame Saat heraus. So könnte die Geschichte meines Gartens auch beginnen. Bereits im Frühling wollte mir der Kerl mal aufzeigen, welche alten Klamotten er unter dem braun zerhackten Scheinfrieden aufgegraben hatte. Und bald darauf stand ein kleines Menetekel in meinem Gartentagebuch, das ein gestandener Gärtner im Internetforum der Vereinigung GaLaBau (Garten- und Landschaftsbau) geschrieben hatte.
„Umgraben lässt Jahrzehnte lang eingelagertes Unkraut mit einem Mal keimen. Pro m² in 30cm Tiefe sind 800.000 bis 2 Millionen Unkrautsamen eingelagert, die warten nur auf den richtigen Moment...“
Aber nicht nur Giersch, Quecke, Behelfskraut, Hahnenfuß &Co. hatte der Wilde Kerl in seinen Hosentaschen gehortet. Mit seinem zotteligen Schopf warf er bald auch Myriaden von sonnenfarbenen Wolkenbüscheln über den Garten und machte ihn zu einer Spielwiese für Bienen und Hummeln. Goldruten!! Und bald Goldruten überall...
Auf dem Sprung: Noch dominieren Goldruten, Stockrosen und Nachtkerzen den Garten. Allesamt sehr springfreudig in der Selbstaussaat. Bald ein farbenfroher Dschungel.
In der Fachliteratur wird diese wüchsige Vertreterin der einst beliebten Bauerngartenpflanze, die Solidago canadiensis , als Neophyt und typische Pionierpflanze gekennzeichnet und ihre Kultivierung ist seit 2012 gesetzlich strikt verboten. Schade eigentlich, denn in meiner Jungend war ich von ihrer goldfarbenen Leuchtkraft in den Feldfluren meiner Heimat fasziniert. Also ließ ich meinem Wilden Kerl zunächst seinen Willen und freute mich an der gelben Pracht. Bald besiedelte ein ganzes Bienenvolk, das irgendwo bei einem Imker entflogen sein musste, die bald übersatte Pollenweide. Summende Honigbienentrauben in den Büscheln der Solidago – Die erste Gartensommermusik in meinem neuen friedvollen Reich.
Im darauf folgenden Jahr hing im Mitteilungskasten am Gartentor unserer Gartenkolonie ein Zettel:
BIENENSCHWARM IM GARTEN? BITTE UNBEDINGT ANRUFEN + Mobilnummer...
Zu spät für das auf die Goldruten ausgeflogene Bienenvolk.
Goldruten, im 17. Jahrhundert aus Nordamerika eingeführt, wurden einst zu bäuerlichen Kränzen geflochten und dienten als wertvolle Bienenweiden. Heute stehen für Naturgärten weniger invasive Arten der Solidagofamilie zur Verfügung.
Ob und welche Art der geliebten Goldruten für den Garten taugen würde, war eine Sache. Die andere jedoch war sofort mit dem Wilden Kerl auszuhandeln. Eine mächtige Phalanx von hoch aufstrebenden, gelb blühenden Geschöpfen schickte er los, die mit ihren sternförmigen kleinen Blüten zwar schön anzusehen waren, gleichzeitig aber ein seltsam fleischiges, behaartes Blätterkleid trugen, das wie Trichter um robuste, vierkantige Stängel angeordnet war. Vierkantig? So etwas war mir in der Natur nie begegnet. Alles ist rund - in der Wildnis wie im Garten. Auch im griechischen Oktagon gibt es nur Rundungen aus acht mit Lehm verspeisten Steinquadern.
Und wieder schickte ein Gärtner der GaLaBauer aus dem Süddeutschen Raum die Aufklärung ins Forum:
„Die stehen bei uns hektarweise in den Feldern: Silphie perifoliatum oder Verwachsenblättrige Becherpflanze, bringen eine Menge Biomasse mit, kannst Du eine Biogasanlage mit bestücken. Ist aber auch eine gute Bienenfutterpflanze.“

Ökologisch denkende Gärtner schätzen die Silphien. Sie loben ihre Vorzüge als Bienenweide und zugleich als guten Sichtschutz rund um einen Garten.
Nun ja, für einen Kleingarten bildete diese mächtige Pflanze bereits keinen freundlichen Sichtschutz mehr zu meiner Gartennachbarin hin sondern eher eine undurchdringliche Wand. Und ihre unterirdischen Ausläufer eroberten bereits die andere Seite meines Gartens. Da verhandelte ich nicht groß mit dem Wilden Kerl. Sie mussten mit Stumpf und Stiel raus. Dieser Kraftakt war nur von zwei muskulösen Männern zu schaffen. Die Wurzelrhizome der Pflanzen zeigten sich als martialisch und wogen?... zwei Tonnen wären noch wenig.
Wer der Ziehvater dieser Wildnis war, erfuhr ich viel später durch vorsichtiges Gemunkel meiner Nachbarn. Von diesem meinem Vorgänger des Gartens werde ich an anderer Stelle erzählen. Denn er war im Grunde ein einsamer Kerl mit feinem Sinn für naturnahe Gartengestaltung und mit großem Herzen für die darin wohnenden kleinen Lebewesen.
AUF DEN MOLCH GEKOMMEN
Es ist wichtig und notwendig, einen neuen Garten mindestens ein Jahr lang in all seinen Allüren zu beobachten, bis man eigene Projekte darin verwirklichen kann. Das weiß ich wohl. Dennoch verlockt solch ein Neuland , das ich nach dem Namen meines lieben Mopses Otto einfach zunächst einmal „Ottonien“ nannte, in seiner wilden Pracht mit viel natürlichem Charme zu neuer Gestaltungslust. Und so kam es meiner Gartenfreundin Judith, die im vergangenen Jahr immer mehr Gefallen an dieser Naturinsel über der Stadt gefunden hat, in den Sinn: „Am Osterwochenende machen wir mal den Tümpel frisch“.
Ein verlockender Wasser- und Klimaspender für kleine Lebewesen sollte in keinem Garten fehlen. Und sei es auch nur ein Tümpel.
Hmm - das Teichbiotop, im letzten Sommer zu einem über zwei Meter hohen Schilfgestrüpp aufgeschossen und sich wohl mit seinem Wurzelteppich im Hochsommer selbst austrinkend, würde eine Aufgabe werden. Aber auch die Gartennärrin in mir hatte souffliert, ich könne doch – nachts im Internet – ruhig mal nach Teichrosen surfen. Eine wunderschöne Erscheinung namens Terry´s Baby Red war so zusammen mit Teppichphlox rosarot und weiß vor den Ostertagen auf den Weg gegangen. Ja, es eilte den Tümpel mal kräftig durchzuputzen. Und so kam es...heftig!
Als wir begannen, das Teichwasser mit Gießkannen auszuschöpfen, befanden sich darin auch kleine Lurchlarven. Wurden sie wohl zu Fröschen oder zu Molchen? Gleich wie erschienen sie als Weltmeister des Flüchtens, so flink wuselten sie davon. In unserer Aufregung herumhüpfend und sie zart einfangend, retteten wir sie geschwind in einen mit Teichwasser gefüllten Eimer. Und mehr und mehr trudelten aus den Poren der ausgehobenen Schilfwurzelmatte oder glitschten schreckstarr unter darin eingewachsenen Steinen hervor.
FAST EIN MEUCHELMORD AM KARFREITAG
Ein Wannenbad aus Plastik nur. Und welches geheimes Leben kann sich doch darin entfalten.
Bald hatten wir einen schnell organisierten großen Baubottich voll mit mehr als dreißig kaum fingergroßen, braunschwarzen Mölchlein, die wir über die Ostertage versorgen mussten. Denn soviel wussten wir: Amphibien sind sie gewiss. Und sie mussten zurück ins Wasser. Jedoch in das bald frisch eingelassene kalte Biotopwasser konnten wir sie nicht sofort zurücksetzen. Jämmerlich war es mit anzusehen wie einer der Lurchis, den wir versuchsweise ins nackte Terrain bugsierten, dort am steilen Plastikrand der Uferzone um sein kleines nacktes Leben paddelte und japste. Schnell zurück auf den Gummihandschuh mit ihm und zurück in die immerhin nicht ganz so kalte Brühe des Bottichs. Wir hatten, ohne es zu ahnen, am Karfreitag beinahe einen natürlichen Molchmeuchelmord angezettelt. Zum Glück gab es in einem verwilderten Teil meines Gartens noch eine kleinere fast versiegte Teichwanne.

Eine Notunterkunft für heimatlos gewordene Molche. Uferbegrünung zum Ausklettern bei Bedarf. Verstecke im Gewässer und ein hübsches Dickicht in der Umgebung.
In ihrem eilends eingerichteten Molchbecken fühlen sie sich nun sehr wohl, sonnen sich tagsüber auf zerbrochenen Tontöpfen, fliehen flugs, wenn Flügelschläge bedrohliche Schatten werfen, unter die Deckung. Gleichzeitig bieten sie der sachte heranpirschenden Gartennärrin in mir einen elegischen Anblick, wenn sie durchs Wasser schweben und tanzen. Denn was wir nicht wussten: Sie waren schon in der Balz, als wir sie so empfindlich störten.
Über die Osternächte bin ich mit eiliger Anfrage im Frankfurter Zoo tiefer ins amphibische Leben eingetaucht und kam auf die Eselsbrücke, die nach Carl von Linnée erfunden wurde:
Grosse Klasse ordnet die Familie wenn der Gatte artig ist.
Ja wirklich grosse KLASSE sind die Lurche und bewahren als Schwanzlurche ihre ORDNUNG in der FAMILIE der Echten Salamander. Die Be-GATTUNG führen sie als Lissotriton an und besonders ART-ig sind meine Molche. Zu Fröschen werden sie also nicht
Keiner malte so wie er: Rösels Teichmolche beiderlei Geschlechts und der Grüne Wasserfrosch
(Die Molche geschaffen um 1750 und erstmals 2009 veröffentlicht in „August Johann Rösel von Rosenhof - Künstler, Naturforscher und Pionier der Herpetologie“ von Prof. Manfred Niekisch, der Frosch veröffentlicht vor 1759 vom Künstler selbst)
Schwanzlurche sind die ursprünglichsten Landwirbeltiere überhaupt. Sie bilden zusammen mit den Froschlurchen (Anura) und den Blindwühlen (Gymnophiona) die Klasse der Amphibia, der Lurche. Und sie sind besonders geschützt. Man darf sie weder aus der Natur entnehmen, um sie im eigenen Biotop anzusiedeln, noch darf man sie als Einwanderer im eigenen Biotop fangen und gar verkaufen.
Wenn sie sich also das Gartenbiotop als Laichgrund ausgesucht haben, sollte man vieles tun, um ihnen das Leben und die Vermehrung angenehm und artgerecht zu gestalten. Im erneuerten Teichbiotop wird es keinen Springbrunnen geben, dessen Pumpgeräusch sie stören könnte. In der Tiefwasserzone habe ich eine Art Dolmensteinhaus als Unterschlupf gebaut und die Wucherpflanze Wasserpest für den Sauerstoffaustausch sowie gegen Algenbildung in ihrer alten Heimat eingesetzt. Und Teichrose Terry´s Baby Red – soll ihnen zum Ablegen ihrer Eier dienen.
DIE ENTDECKUNG VON PAULANDIA
Naaa- ihr Landgänger eigener KLASSE! Da seit ihr ja aus eurer Notunterkunft zurück. Die Uferzone mit ersten Pflanzen begrünt, Totholz und Geäst zwischen lockeren Steinen bieten idealen Raum für den baldigen Landgang. Lurche nämlich bestehen auf ihr angestammtes Laichgewässern, in dem sie geschlüpft sind und jagen in der Nacht während der Sommerfrische nur 50 Meter weit rings im Territorium.
Die Teichwanne ist nun schon artgerecht für kleine Lebewesen mit Feldsteinen, Hummeltrachtpflanzen wie Phlox und Iris und mit Totholz umfriedet und so schwirrten auch bald Prachtlibellen zum Paarungsreigen heran. Ich war hingerissen von ihrem Brummen und ihrem wie ein Ballett choreografierten Paarungsakt. Für Blitzmomente „stehen“ sie dabei im Flug auch auf der Stelle und schillern in der Sonne wie Facettporzellan. Weshalb sollten sich nicht bald auch Eidechsen auf einer hitzigen Buntsandsteinmauer sonnen und ein paar Frösche bei uns einwandern.

Admiranda tibi levium spectacula rerum - Bewundere, was die kleinsten der Dinge Dir zeigen.
Der Vers stammt aus einer Sammlung landwirtschaftlicher Lehrgedichte von Vergil.
Der Kupferstich ziert als Frontispiz das Prachtwerk des Froschbuches aus dem 18. Jahrhundert des frühen Insekten- und Amphibienforschers Johann Rösel von Rosenhof. In der Privatbibliothek meines Freundes Manfred Niekisch sorgt das paradiesisch anmutende Werk für Inspiration und eine fabelhafte Gartenvision. So oder so ähnlich wie in diesem wundersamen Entwurf soll das Teichbiotop zum Herzstück und der Seele meiner Garteninsel Paulandia gedeihen.
Noch vor den Weihnachtstagen soll es mit einer Trockenmauer aus Buntsandsteinen eingefasst und zum Naturgarten mit einheimischen Pflanzen verwandelt werden. Paulandia, ein τοπος βιος, der Lebensraum für die kleinsten Wesen. Nach dem Vers von Vergil, den er ursprünglich den Bienen zugedacht hatte und den Rösel von Rosenhof im Frontispitz für die Lurche verwendete, tönt das besonders kunstvoll im nachgedichteten Hexameter des berühmten Übersetzers antiker Werke Johann Heinrich Voss:
Kleingeachteter Dinge bewunderungswürdiges Schauspiel.
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