METAMORPHOSEN
Von Kolibrischwärmern und Häutungshemden
Liebe Gartenfreunde!
Bestaunt mit mir den heimischen Dschungel des Sommerausgangs und lernt ein schwirrendes Wesen kennen, das einem Paradiesvögelchen gleicht und eine großartige Erscheinung in meinem Garten, die als Nymphe Cynara schon Zeus betört hat. Geht mit mir auf die Knie zu den Kleinen Lebewesen, Larven, Puppen, Raupen und vergnügt Euch im Reich der Kolibrischwärmer und Häutungshemden. Und findet ihre flatternde Vervollkommnung in der Kunst der Naturforscherin und Malerin Maria Sibylla Merian.
In diesem Jahr erschien es mir als ob die bisher gekannten fünf Gartenjahreszeiten sich auf nur noch drei verdichtet hätten. Es gab den nahezu sommerwarmen Vorfrühling, den heißen Hochsommer und einen andauernden Herbst bis in den November. Als ich frostempfindliche Pflanzen wie Artischocken, Patagonisches Eisenkraut und Rosmarin dennoch mit Winterschutz aus Laub und Stroh bedachte, brach ein breiter Sonnenstreif durch die Wolkendächer am Himmel und warf ein leuchtendes Band über die Gärten als habe sich der Herrgott ausnahmsweise einen Scherz erlaubt. Sofern sich künftig in unseren Breiten noch der November in solcher Milde zeigt, dann dürfen wir uns dem Klimawandel zum Trotz fast über eine schicksalhafte Fügung freuen. Dem langsamen Gartenende wohnen Erleuchtungen inne.
Auch die am Biotop gepflanzten Christrosen durfte ich in diesem magischen Herbst in Blüte bewundern. Und in der Stille der ringsum längst ‚winterfest‘ niedergeschnittenen Nachbargärten geriet ich mit ihnen ins Plaudern. Fast schien es als würden sie mit den Köpfchen nicken – dankbar um einen netten Dialog über ihre Wuchsfreude und grazile Schönheit mit ihren samtweißen Blütenkelchen und den pollenbesteckten filigranen Staubblättern. Und war da nicht ein zartes Wispern als mokierten sie sich über die angeberischen Farben der immer noch lodernden Astern am Staketenzaun.
Christrosen als sanfte Botinnen des Winters. Herbstastern setzen leuchtende Farbakzente hinzu.
Noch einmal möchte ich also das Hohelied auf die Astern anheben. Besonders auf die zart hellblaue Aster Little Carlow und auf die unschlagbare Meistern der Hintergrundfarbe Aster laterifolius. Auch wenn diese Sorte mit Tausenden reinweißen Blütensternchen nach der Farbenlehre nicht als farbig gilt, muss man sich der Funken versprühenden Dame einfach hingeben. Die Honigbienen tun es in ganzen Trauben, die sie besonders in der weißen Aster bilden, während die Hummeln völlig vernarrt die blauen und rottonigen Sorten abweiden. Sie alle nutzen die Herbstastern als willkommene Spättracht. Schmetterlingsarten wie das Tagpfauenauge und der Kleine Fuchs legen sich in ihnen für die Überwinterung ein Fettdepot an, andere wie der Admiral und der Distelfalter stärken sich für ihren herbstlichen Flug in den Süden. Und uns verlängern sie die Gartenlust um einen ganzen Monat. Wie auch die Artischocke meine Erscheinung des Jahres ist.
Aster laterifolius als wunderschöner Hintergrund und eine Gemüseartischocke in Herbstblüte als Zierde.
VIER JAHRE PAULANDIA – EINE ART METAMORPHOSE
Zur Zeit der Herbstanemonen mit ihrem nickenden Blütenschmuck offenbaren sich auch die kleinsten Wunder der Natur.
Auf die Artischocken bin ich durch das Bundeskleingartengesetz gekommen, denn das schreibt die Nutzung eines Drittels des Gartens für Obst- und Gemüseanbau im selbstversorgenden Schrebergarten vor. Bei einer botanischen Führung im Lehrgarten der Frankfurter Universität fand ich Inspiration in einem bombastischen Versuchsbeet mit meterhohen violett blühenden Artischocken, unterpflanzt mit feuerfarbenen Peperoni. Ein lukullisches Bild. Und wie schön, dass die Artischocke Cynara cardunculus beides erfüllt – den Ernährungswert und das verlockende Blau ihrer Blütenzierde für die Insekten.
Die Hummeln feierten im Herbst in den Blüten meiner ersten Versuchspflanzen ein dionysisches Fest. Im 1. Jahrhundert n. Chr. ist ihre Anbaukultur nachgewiesen. Aber zuvor hatte schon Zeus sie in Gestalt der Nymphe Cynara als Liebesopfer ausgemacht und überzornig, weil sie ihn verschmähte, mit Stacheln bewehrt. Ich werde über meine neue Liebe zu ihr weiter erzählen, wenn im kommenden Jahr mehr Gemüseartischocken gedeihen. Im Frühjahr ist Pflanzzeit. Und hat man erst eine etwas größere Plantage, nähert sich die essbare Pflanze dem Ideal eines naturnahen Gartens als Stellvertreterin für eine faule Gemüsegärtnerin wie ich sie ansonsten bin sehr ästhetisch an. Lieber als am Abend eine Gemüsekultur zu bewässern, die mir nicht in die Wiege gelegt ist wie einigen meiner lieben Nachbarn, sitze ich auf meinem Blauen Gartenbänkchen mit einem Glas Wein und meditiere versonnen in mein Gartenwerk hinein.
Was schwirrt denn hier um die Blüten des Sommerflieders?
An einem dieser Abende mit schon weich tropfenden Sonnenflusen und den ersten Silberfäden des Altweibersommers in der Luft war es, als mich meine Augen zu trügen schienen. Sollte bei aller inzwischen im Paulandischen Biotop eingekehrten Artenvielfalt auch ein Winzling aus der Familie der Kolibris eingeflogen sein. Der flinke emsige Winzling schien im Flug so groß wie eine halbe Walnussschale und erinnerte mit seiner roströtlichen Färbung und seinem Schwänzchen an ein Vögelchen. Jedoch hatte es keinen Schnabel sondern einen auffällig langen gebogenen Saugrüssel. Bald fand ich in einem noch herrlich analogen dtv-Bestimmungsbuch, dass es sich um das in ganz Europa verbreitete Taubenschwänzchen Macroglossum stellatarum handeln könnte, einem Nachtfalter aus der Familie der Schwärmer. Und das bestätigte sich nach etwas Wikipedia-Forschung.
Der Anblick eines in der Abendstunde im ‚Schwirrflug‘ auftauchenden Taubenschwänzchens bedeutet das Wunder der Metamophose im eigenen Garten verstehen zu lernen.
Zahlreiche vermeintliche Kolibrisichtungen in Europa, sagt Wikipedia, gehen auf Beobachtungen an dieser Schmetterlingsart zurück, weshalb sie auch Kolibrischwärmer genannt werden. Die Eiablageplätze aber – und damit verbunden die Raupenvorkommen – sind seltener geworden, da die Falter Habitate brauchen, in denen sowohl genügend Nektarpflanzen als auch Raupenfutterpflanzen wachsen, da die Weibchen während der lange andauernden Eiablage immer wieder Nektar zu sich nehmen müssen.
Das versteht sich im Zusammenhang mit dem hochgradigen Verlust unserer Insekten- und Artenvielfalt für Gärtner wie ein Aufruf: Einfach mehr NATURGARTEN wagen!
Ein extraterrestrisch anmutendes Wesen am Schilfhalm des Bioteichs und liebevolle Abbildung von
Libellenlarven im Teich mit schlüpfender Edellibelle auf einer Pflanze.
(Foto: Jule Reiner, Abb. aus: Hans Schiemenz: Die Libellen unserer Heimat, Zoologisches Institut der Humboldt-Universität Berlin, 1953)
Seit wir Paulandia angelegt haben, besuchen viele Libellenarten das Biotop. Schillernde komplexe Wesen, die mit ihren Hinterleibern verhakt imposante Begattungstänze aufführen. Am eindrucksvollsten die mächtige Blaugrüne Mosaikjungfer Aeshna cyanea, die an hitzigen Tagen in einen über dem Biotop liegenden Astbogen ihre Eier ablegte. Besser ausgedrückt: Sie ‚impfte‘ das Totholz sorgsam mit der Brut aus ihrem ‚Legebohrer‘ am Hinterleib. Und eines Abends entdeckte ich die Libellenlarve im Schilf und war gebannt
Würde die Libelle schlüpfen, oder hatte sie ihren Panzer schon mit ihren scharfen Beißwerkzeugen aufgebrochen und sich kopfüber in ihre herrschaftliche Erscheinung als Prachtlibelle gestürzt. Der Vorgang der Häutung dauert bis zu zwei Stunden und zuletzt würde sie ihre Flügel aus den deutlich an den Brustseiten hervorstehenden Spornen entfalten und davon fliegen. Es wäre zu phantastisch gewesen, in den Genuss dieser Beobachtung der letzten Metamorphose zu kommen. Doch entpuppte sich das extraterrestrische Wesen am Schilf nach einer Stunde des Wartens doch als ihr hinterlassenes Häutungshemd, die Exouvie genannte leere Larve einer metamorphosierten Blaugrünen Mosaikjungfer. Eine hauchzarte Hülle als Zeichen für gewonnene Biodiversität auf Paulandia.
KEHRAUS NOCH NICHT GANZ
Erntedank mit Farben, die nur der Herbst schenkt. Wein und Dahliensträußchen mit Astern, Duftwicken und Frauenmantel.
Über die eigene Parzelle von 300 Quadratmetern hinaus auf das Netzwerk des großen Gartenverbunds schauend, habe ich in den vergangenen Jahren selbst eine Wandlung zum genaueren Hinschauen, Innehalten und Beobachten erlebt. Und die Erkenntnis gewonnen, dass es sinnlos und sogar kontraproduktiv ist, einen Garten sauberhalten zu wollen wie ihn sich die Generation ‚Schreber‘ vorgestellt hat. Artenvielfalt zurückzugewinnen, setzt auch Lust auf absichtliche Unordnung voraus. Geschichtete Laubhaufen mit Astwerk zusammengehalten, bieten Unterschlupf für überwinternde Kleinlebewesen. Raupen, Larven oder auch dem edelsteinfarbenen Rosenkäfer zur Eiablage. Im Folgejahr erntet man guten Laubhumus für manches neu anzulegende Beet. Und Staudenbeete werden nicht bis zur Niedertracht abgesenst. Naturnahen Gartenfreunden ist das längst selbstverständlich. Viele Staudenstängel bieten Winterschlupfe für Kleininsekten. Vorausgesetzt man knickt die Stengel etwas um, damit sie einwandern können. Und was man vielleicht als Schmuddelecke vernachlässigt und sich selbst überlässt, mag einen schlummernden Schatz von Hasenglöckchen hervorbringen, die sonst mit der Hacke gemetzelt worden wären. Auf gute Überwinterung ihr Schmuddelkinder!
PORTRAIT EINER GRANDE DAME DER FORSCHUNG UND MALEREI
Maria Sibylla Merian; Stilleben mit Früchten, Kirschblütenzweig und Schmetterling.
In dieser wundersamen Allegorie vereint sich das Motiv des Erntedanks mit minutiöser künstlerischer Naturstudie. Nicht die Früchte stehen wirklich im Vordergrund der Darstellung. Es ist der Schmetterling und es ist das Insekt, das sich auf der Frucht abgesetzt hat, es sind die naturalistisch wohlgesetzten Einstiche der Fruchtfliegen im Obst. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht und in Anbetracht der fortgeschrittenen Naturzerstörung kann dieses aus der Dunkelheit heraufglühende Aquarell der Insektenforscherin Maria Sibylla Merian durchaus als ökologische Sichtweise verstanden werden. Ihr ganzes Leben hatte sie der Erforschung der Kleinen Lebewesen, vornehmlich der Raupen und Schmetterlinge gewidmet. Ihr Oevre in den langen Abenden des Winters zu studieren, wird mir zur sinnlichen Auszeit vom Stress der Welt und lässt staunen.
Kleines Nachtpfauenauge und Breitwickler – Hyazinthe, Brauner Bär und Schlupfwespen.
Neben mir liegt der kiloschwere Ausstellungskatalog einer Gesamtwerkschau anlässlich des 350. Geburtstages der großen Frankfurterin 1979 im Historischen Museum Frankfurt. Darin zeigt sich neben dem unermesslichen Reichtum ihres darstellenden Schaffens auch eine Lebensbiografie an, die für eine junge Frau ihrer Zeit im Grunde unmöglich erscheint. Zwar war ihr der Hintergrund für ihre Begabung in einer gutsituierten Frankfurter Familie in die Wiege gelegt. Geboren 1647 als Tochter von Matthäus Merian dem Älteren, einem bedeutenden Kupferstecher und Verleger, der jedoch schon drei Jahre nach ihrer Geburt verstarb, wuchs sie sozusagen in einer künstlerischen Patchworkfamilie auf. Ihre Mutter heiratete ein Jahr nach dem Tod ihres wesentlich älteren Mannes den Blumenmaler und Bilderhändler Jacob Marrel, der aus der flandrischen Schule kam und sich später in Utrecht als Verleger etablierte. Und der Türspalt auf den Blick in die Welt der Malerei, der Kupferstecherei und in die Welt der Kleinen Lebewesen waren dem Kind früh geöffnet. Im väterlichen Verlag kam 1653 die Historiae naturalis de insectis libri des Universalgelehrten John Johnston heraus, illustriert mit detaillierten Kupferstichen. Und schon im Alter von ca. 13 Jahren fertigte das Mädchen Maria Sibylla ihre ersten Kupferstiche an. Für die künstlerische Ausbildung ihres Zeichentalentes sorgte ihr Stiefvater Jacob Marrel.
Während die Maler-Ordnung am Ende des 16. Jahrhunderts es jedoch nur Männern erlaubte, mit Ölfarben auf Leinwand zu malen und sich damit ansehnliche Aufträge und gute Einkünfte zu verschaffen, durften Frauen nur kleine Formate mit „Aquarell und Deckfarben auf Papier oder Pergament.“ bearbeiten Und das nutzte die hochbegabte Tochter des Kupferstechers in allen Facetten zu ihrer Persönlichkeitsbildung aus.
Feldrittersporn und Rittersporneule. Vorlage für Tafel 40 des ersten „Raupenbuchs“ 1679. In dieser feinsinnigen Abbildung ist nicht die Platzierung des Insektes und seiner Wandlung von Gewicht, sondern die Nährpflanze.
Als Merians erstes „Raupenbuch“ 1679 erschien, war sie schon eine berühmte Frau und als Naturforscherin eine anerkannte Publizistin ihrer eigenen in Kupfer gestochenen Werke. Hilfreich war dabei gewiss die Eheschließung mit dem in den Werkstätten ihres Vaters ausgebildeten Kupferstecher und späteren Verleger Johann Andreas Graff. Aus dieser Verbindung gingen zwei Töchter hervor. Doch die Ehe selbst hielt nicht sehr lange. Viel prägender und einflussreicher mag wohl die „Beobachtungsschule“ ihres Stiefvaters Jacob Marrel gewesen sein für das, was Maria Sibylla Merians Gabe ausmachte. Nämlich die genaue, ja geradezu aus dem Kinderblick erworbene Fähigkeit, die wundersame Verwandlung selbst der kleinsten Wesen in und unter der Erde als einen beständigen Kreislauf des Werdens und Vergehens zu begreifen. Erst dadurch wurde sie zur ersten weiblichen Entdeckerin der Metamorphose auf höchstem künstlerischem Niveau.
(Alle Fotos in diesem Kapitel des Gartenbriefes sind den Seiten des Katalogs „Maria Sibylla Merian, Künstlerin und Naturforscherin 1647-1717“ entnommen. Historisches Museum Frankfurt, Verlag Gert Hatje)
Ich klappe die Gartenbücher jetzt zu und wünsche allen Gartenfreunden viel Sinnesfreude und ruhige frohmachende Weihnachtsage. Vielleicht findet ja noch eines der bibliophilen Kunstbücher der unübertrefflichen Naturmalerin Maria Sibylla als sibyllinisches Weihnachtsgeschenk für „Mehr Naturgarten Wagen“ bei der einen oder dem anderen von Euch unter dem Baum seinen Platz.
Ich empfehle den handlichen Kunstband mit zahlreichen wundersamen Bildausschnitten aus ihrem Werk und einer mit leichter Feder geschriebenen Biographie über eine Frau, die Gefahr lief, als Hexe verdächtigt zu werden. Doch hat sie ihre große Lebensreise bis in den Dschungel Surinams geleitet.
Boris Friedewald, MARIA SIBYLLA MERIANS REISE ZU DEN SCHMETTERLINGEN, Prestel Verlag
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* Die Gartenbriefe 01-06 2016 sind online nicht verfügbar aber in Papierform vorhanden.
Gartenbriefe
Gartenbriefe 2017
Frühling/Sommer 2017
Brief 07Die Gartenbriefe 01-06 2016 sind online nicht verfügbar aber in Papierform vorhanden.
